Katze an Freigang gewöhnen

wie du deine wohnungskatze
an freigang gewöhnen kannst

von Sain Abedin - 14. Aug 2020

Immer wieder hört man von Wohnungskatzen, denen das Leben in ihrem eingeschränkten Revier zu schaffen macht. Sie leiden unter Langeweile, Bewegungsmangel oder Einsamkeit. Gegenüber den Katzenmamas und -papas äußert sich das oft in Verhaltensauffälligkeit. Das reicht vom plötzlichen unsauber Werden über das Zerkratzen von Möbeln und Tapeten bis hin zum Fressen von Gegenständen aus Plastik oder anderem unverdaulichen Material.
So schwer diese Situationen für den Tierhalter auch sein mögen, die wirklich Leidtragende ist die Samtpfote, die nicht anders um Hilfe rufen kann, als mithilfe ihres Verhaltens. Sucht man Rat bei Experten oder in Foren, stößt man immer wieder auf dieselbe Lösung: Deine Katze muss an die Luft! Gewähre ihr Freigang! So überzeugend die Argumentation auch sein mag, ganz ohne Sorgen blickt man dem Freigang der Katze nicht entgegen. Nicht selten fragt sich einer "Ist meine Katze überhaupt noch in der Lage, in freier Wildbahn zu überleben", "unter welchen Umständen ist es möglich, sie an die frische Luft zu lassen" oder "kommt sie denn auch wieder, wenn ich ihr die Tür erst mal geöffnet habe".

Welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit die Zeit des Freigangs für deine Katze und dich entspannend ist, erfährst du im folgenden Artikel.


Pro & Contra - freigang

Vorteile des Freigangs

Im Grunde ist es sehr logisch und einfach: Der Freigang ermöglicht auf eine unkomplizierte Weise eine artgerechte Haltung der Katze, weil sie sich draußen in ihrem natürlichen Lebensraum befindet. Da sie ihren instinktiven Verhaltensweisen und ihrer Neugier in freier Wildbahn völlig unmittelbar nachgehen kann, schärft sie ihre Sinne viel komplexer und umfassender, als das einer Wohnungskatze möglich ist. Draußen kann deine Katze jagen, sich anschleichen, lauern, sich die Sonne auf den Pelz scheinen lassen, die Nase in den Wind halten, um all die interessanten Gerüche zu schnuppern und gleichzeitig die Ohren spitzen, um die leisen und lauten Geräusche aus allen Himmelsrichtungen aufzufangen. Es gibt unzählige Außenreize, die auf deine Katze einströmen und ihre Sinne nähren. Selbst wenn du der aufmerksamste und kreativste Katzenhalter bist, kann das Unterhaltungsprogramm, das du für deine Katze erschaffst nicht mit der Natur konkurrieren. Spätestens bei den zahlreichen sozialen Kontakten zu anderen Katzen, die der Freigang bietet, kannst du nicht mehr mithalten. Diese sind aber enorm wichtig, um ein natürliches Sozial-und Revierverhalten zu fördern.

Durch all die Erfahrungen, die deine Katze sammelt und all die Eindrücke, die sie gewinnt und dann verarbeiten muss, ist sie ausgelastet und ausgeglichen. Langeweile ist dementsprechend kein Thema mehr. Auch das Thema Übergewicht kannst du von der Liste der größten Sorgen als Katzenmama bzw. -papa streichen. Durch die vielen wundervollen Angebote zum Klettern und Springen, Laufen und Jagen hat deine Katze ausreichend und vor allem vielfältige Bewegungsmöglichkeiten, was nicht nur einen positiven Einfluss auf ihr Gewicht, sondern auf ihre gesamte Vitalität hat.

Neben diesen deutlichen Vorteilen, die der Freigang deiner Katze bietet, solltest du nicht vergessen, dass dieser auch dich entlastet. Weil deine Katze sich bereits vor der Haustür ausgetobt hat, musst du ihr nicht zusätzlich ein umfassendes Freizeitangebot offerieren. Hinzu kommt, dass Freigänger deutlich seltener verhaltensauffällig werden. Das plötzliche Auftreten von Unsauberkeit, das Zerkratzen von Möbeln, das Fressen von Plastik sind Verhaltensweisen, die unter Freigängern kaum zu finden sind.


Nachteile des Freigangs

Klar, wenn der Freigang nur Vorteile bieten würde, wären alle Katzen Freigänger. Um eine begründete Entscheidung treffen zu können, ob und wie du deiner Katze das Erkunden der Außenwelt ermöglichen kannst, müssen auch die Nachteile des Freigangs in die Waagschale geworfen werden. Das größte Gegenargument ist hierbei die Sicherheit der Katze. Stark befahrene Straßen und Bahnschienen stellen dabei im urbanen Raum eine ähnlich große Gefährdung dar, wie andere Tiere – zum Beispiel Marder, Füchse, Hunde – und Jäger im ländlich geprägten Raum. Unfälle können beispielsweise auch durch Halsbänder hervorgerufen werden, die deine Katze trägt. Bleibt sie daran hängen, kann es schnell passieren, dass sie sich stranguliert. Aber auch durch Revierkämpfe mit anderen Katzen oder Hunden oder durch das Fressen giftiger Pflanzen können gefährliche Verletzungen oder Vergiftungen entstehen.

Durch den Kontakt zu Artgenossen oder das Fressen von Mäusen oder Vögeln, kann sich deine Katze Parasiten oder Krankheiten einfangen. Durch Impfungen und Beratung durch den Tierarzt, kann man dieses Risiko zwar minimieren, jedoch nicht vollkommen beseitigen. Im Kapitel Vorbereitungen behandeln wir dieses Thema näher. Zu bedenken ist auch, dass deine Katze auf ihren Streifzügen durchaus für Ärger und sogar für finanziellen Schaden sorgen kann. Teilweise empfinden es die Nachbarn schlichtweg als lästig, dass sich deine Katze ständig auf ihrem Grundstück herumtreibt, ihr Geschäft im Beet verrichtet oder die Vögel jagt, die sie so gerne in ihrem Garten haben. Das kann für schlechte Laune und Streitereien sorgen. Teuer wird es dann, wenn deine Katze Kratzer im Autolack hinterlässt oder den Zuchtfisch aus dem Teich angelt. Sei dir darüber im Klaren, dass du im Fall der Fälle schadensersatzpflichtig bist.

Viele Katzeneltern befürchten zudem, dass ihre Katze möglicherweise nicht wieder nach Hause kommt, wenn sie den Duft der Freiheit erst einmal gerochen hat. Häufig hört man auch davon, dass Katzen sich einfach ein neues Zuhause suchen und deswegen nicht zurückkommen oder auf ihren Streifzügen durch die Nachbarschaft versehentlich im Keller eingesperrt werden. Die Angst vor dem Verlust der geliebten Fellnase, durch welchen Grund auch immer, ist wohl für viele das Hauptargument gegen den Freigang.


Vor- und nachteile im überblick

Vorteile

 ihr natürlicher Lebensraum

Katze ist ausgelastet

Soziale Beziehungen zu Katzen

körperliche Fitness

nur selten Verhaltensauffälligkeiten

Entlastung für den Halter

Nachteile

Gefahr von Autos, Revierkämpfen, Krankheiten, etc.

Katze könnte nicht zurückkommen

Haftung für Schaden durch Katze

Rein quantitativ überwiegen die Vorteile, doch einen pauschalen Ratschlag kann man hier dennoch nicht formulieren. Die Entscheidung deiner Katze Freigang zu gewähren, sollte letztendlich aus deiner konkreten Situation heraus getroffen werden. In Großstädten und an viel befahrenen Hauptstraßen, wiegt das Argument der  Gefahr durch Verkehr, schwerer als auf dem  Land. Es muss jeder Katzenhalter für sich prüfen, welche Argumente für ihn relevant sind, um eine verantwortungsbewusste Entscheidung zu treffen. 

Vorbereitungen

Aufgrund der Tatsache, dass dein Freigänger Kontakt zu seinen Artgenossen haben wird, werden verschiedene Impfungen unbedingt empfohlen. Wir empfehlen die Beratung durch einen Tierarzt. Es macht jedoch durchaus Sinn, sich auf das Gespräch vorzubereiten. Hier kannst du dich anhand der Impfempfehlungen des Bundesverbandes deutscher Tierärzte bereits im Vorfeld informieren.

https://m.tieraerzteverband.de/bpt/berufspolitik/Impfkommission/stiko-vet_empfehlungen-mitteilungen.php?redirectResize=1


Leidet deine Katze an einer übertragbaren Krankheit wie FIV, sollte sie keinen Freigang bekommen, da sie aufgrund der Infektionsgefahr Artgenossen gefährden könnte. Wenn du mit deiner Katze beim Tierarzt bist, erwähne lieber einmal mehr, dass deine Katze ein Freigänger ist oder frage nach, ob Gefahr für Artgenossen besteht. Ebenso solltest du dich bei deinem Tierarzt bezüglich Parasitenschutz informieren. Dazu gehören Abwehrmaßnahmen gegen Flöhe und Zecken. Auch regelmäßige Wurmkuren gehören zum Standardprogramm für Freigänger. Sieh dich einmal in der unmittelbaren Umgebung und der Nachbarschaft um: Gibt es Gefahrenquellen, die du ganz unkompliziert entfernen kannst? Manchmal lohnt es sich auch den Nachbarn anzusprechen und zu erklären, welche Bereiche dir in seinem Garten, bezüglich der Sicherheit deines Tieres, Sorgen bereiten. Möglicherweise sind dir deine Nachbarn auch dankbar, wenn du sie einfach darauf hinweist, dass deine Katze demnächst auch ihr Grundstück erkunden wird.

Manchmal benötigen Freigänger etwas Unterstützung bei der Fellpflege. Das betrifft vornehmlich Rassen mit längerem Fell. Besonders dann, wenn sich Kletten im Fell verfangen, kann das zu einer unschönen Angelegenheit werden. Mach es dir zur Gewohnheit, deine Katze nach ihren Streifzügen eingehend zu begutachten. Dann erkennst du nicht nur, ob sie Hilfe bei der Fellpflege benötigt, sondern nimmst kleine Verletzungen im Fall der Fälle sofort wahr und kannst schnell reagieren.

Wir raten dazu Freigänger unbedingt zu kastrieren. In Österreich herrscht bereits eine Kastrationspflicht für Freigänger. Katzen vermehren sich rasant und werden leider schnell zur Plage, wenn man der Fortpflanzung nicht Einhalt gebietet. Das ist nicht zuletzt für die ungewollten Kätzchen eine schlimme Sache. Hinzu kommt, dass sich kastrierte Katzen nicht so weit von zuhause entfernen und sich dementsprechend seltener verlaufen. Auch die Revierkämpfe werden mit deutlich weniger Aggression ausgetragen, was wiederum schlimmen Verletzungen vorbeugt.

Lass deine Katze unbedingt registrieren und tätowieren oder chippen! Am besten machst du das auch, wenn du dich gegen den Freigang entscheiden solltest. Falls deine Samtpfote nämlich verloren geht und gefunden wird, kann über die Tätowierung bzw. den Chip und die Registrierung sofort der Halter festgestellt werden.

Hier kannst du deine Katze schnell, unkompliziert und kostenlos registrieren lassen.

https://www.tasso.net/Tierregister/Tier-registrieren

Vorgehensweise bei der umgewöhnung

Oftmals wird empfohlen, die Katze zunächst mit einem Katzengeschirr an den Freigang zu gewöhnen. Das bedeutet allerdings, dass du deinen Stubentiger zunächst an das Geschirr gewöhnen musst um ihn dann mit dem Geschirr an den Freigang zu gewöhnen. Ich bin kein großer Befürworter der Katzenleinen und –geschirre, weil es meiner Meinung nach dem Naturell der Katze widerspricht. Die meisten Samtpfoten bringen ihre Abneigung gegen diese Art der Führung auch ganz deutlich zum Ausdruck. Eine gute Idee ist hingegen die Installation einer Katzenklappe, wenn du die Möglichkeit dazu hast, denn so kann deine Katze jederzeit die Wohnung verlassen und auch zurückkehren. In Kombination mit einem Chip kannst du so aber auch Zeiten festlegen, wann die Katze die Wohnung verlassen darf bzw. dafür sorgen, dass nur dein Fellmitbewohner die Wohnung durch die Klappe betritt – und eben nicht die Nachbarskatze oder ein Marder. Wohnst du in einer Mietwohnung, darfst du die Katzenklappe aber nur mit Genehmigung des Vermieters einbauen und musst sie bei Auszug wieder ausbauen. Da das mit hohen Kosten verbunden sein kann, schreckt das viele Katzeneltern ab. Vielleicht ist für euch eine preisgünstigere Alternative zur Katzenklappe – zum Beispiel ein Bewegungsmelder – eine bessere Option. Oder du entscheidest dich, mit deiner Katze eine feste Freigang-Routine einzuüben. Das erfordert ein bisschen Disziplin und Struktur, ist aber meiner Meinung nach für dich und deine Katze die verlässlichste Variante: So könntest du deine Katze immer zu einer bestimmten Zeit nach draußen lassen und immer zu einer festgelegten Zeit zurückrufen. Wenn du sie bereits im Vorfeld auf den Klang der Leckerli-Dose konditioniert hast, kannst du dein Rufen mit dem Geräusch der klappernden Leckerlis unterstützen und deine Katze kommt geschwind von ihren Streifzügen nach Hause.

Beachtest du zusätzlich folgende Schritte, kannst du dem Freigang deiner Katze entspannt(er) entgegenblicken.

1.
Lässt du deine Katze zum ersten Mal an die frische Luft, solltest du sie im Vorfeld weniger füttern. Dies würde ich dir auch für die nächsten Freigänge empfehlen. Wenn deine Katze hungrig ist, kommt sie einfach schneller wieder nach Hause. Des Weiteren ist es sinnvoll, wenn das Wetter nur mäßig gut ist. Nieselregen ist dabei optimal. Hunger und Kälte bzw. Nässe sind dann schon zwei sehr gute Gründe für eine baldige Rückkehr und werden sogar gegen Erkundungsdrang und Neugier punkten. Geh beim ersten Mal mit der Katze zusammen raus und zeige ihr den Garten. Sei geduldig und beobachte genau, wann es ihr zu viel wird. Dann könnt ihr gemeinsam umkehren. Gut wäre es, wenn du deine Katze an den Freigang gewöhnen würdest, wenn du ein paar Tage am Stück selbst nicht zur Arbeit musst. Dann kannst du sie immer begleiten und einschreiten, wenn sich Probleme einstellen. Du wirst sehr schnell merken, dass deine Katze mehr Selbstvertrauen gewinnt und sich immer sicherer in der neuen Situation fühlt.

2.
Lass deiner Katze ausreichend Zeit und gönne ihr Ruhe. Wenn du völlig panisch in der Tür stehst und permanent ihren Namen rufst, wird sie nicht unbedingt das Gefühl haben, dass der Freigang eine gute Sache ist, aber auch nicht, dass zuhause alles in bester Ordnung ist. Nach einer angemessenen Zeit kannst du beginnen, mit der Leckerli-Dose zu klappern, um sie anzulocken. Wahrscheinlicher ist es allerdings, dass sie recht schnell von selbst wieder auftaucht, um sich von ihren Erkundungen erholen zu können. Empfange sie dann mit ihrem Lieblingsfutter, ihrem Lieblingsspielzeug und einer großen Portion Streicheleinheit. So merkt sie, dass es äußerst lohnenswert ist, nach Hause zu kommen.

3.
Dein Freigänger benötigt mehr Energie als eine Stubenkatze, weil sie deutlich aktiver ist. Nutze diesen Fakt dafür, sie zum Heimkehren zu bewegen. Geregelte Zeiten, Futter mit hohem Fleischanteil und Futter, das ihr richtig gut schmeckt sind dabei die drei wichtigsten Aspekte.

4.

Überlege dir eine praktikable und angemessene Routine für euren Freigang. Möglich wären dabei geregelte Zeiten für den Freigang, geregelte Futterzeiten und eine Routine, wenn die Katze nach Hause kommt. Das Heimkehren sollte so angenehm wie nur möglich gestaltet werden und jeden Tag genauso stattfinden. Auch die Unterstützung bei der Fellpflege kann in diese Routine integriert werden.

5.

Wenn ihr umzieht oder deine Katze erst kürzlich zu dir gezogen ist, solltest du mindestens vier Wochen warten, bis sie sich an das neue Zuhause gewöhnt hat. Ansonsten kann es nämlich passieren, dass sie sich auf den Weg in ihr altes Revier macht und das neue nicht anerkennt. Sei geduldig und lass ihr Zeit.


Fazit

Der Freigang bietet deiner Katze unzählige Vorteile und ermöglicht es ihr, ihren natürlichen Lebensraum zu erkunden. Allerdings gibt es auch viele Gefahren und Nachteile. Als Katzenhalter bist du in der Verantwortung, die Vor- und Nachteile sorgsam gegeneinander abzuwägen und eine begründete Entscheidung zu treffen, die sich weder auf Bequemlichkeit noch Leichtsinnigkeit stützt. Viele Gefahren lassen sich bereits im Vorfeld minimieren oder eliminieren. Aber eben nicht alle! Da es hier kein Patentrezept gibt, musst du eure konkrete Situation bewerten und überlegen, ob und wie sich der Freigang bewerkstelligen lässt. Auf jeden Fall ist auch ein Gespräch mit dem Tierarzt ratsam.

Entscheidest du dich dafür, das Experiment Freigang mit deiner Katze zu wagen, solltest du dir und ihr Zeit lassen und jeden Schritt mit Geduld angehen. Auch solltest du dich unbedingt selbst entspannen, dir, deiner Katze und dem Freigang Vertrauen entgegenbringen, da deine Katze sonst von Anfang an deine Unsicherheit spürt und selbst verunsichert sein wird. Begleite sie anfangs auf ihrer Erkundungstour und gestalte das Heimkehren so angenehm wie nur möglich. Ich empfehle dir, auf jeden Fall eine sinnvolle und praktikable Routine zu gestalten, die an eure Lebensumstände angepasst ist, denn so wird der Freigang für dich und deine Katze eine wunderbare Zeit!


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